Seite wählen

Wie beschreiben Sie den Stadtteil Medinghoven?
Medinghoven fällt schon von weitem durch seine dichte, mehrgeschossige Bebauung am Hardtberg auf. In den 70er Jahren hatte
man den Stadtteil als reinen Wohnstandort für die wachsende Zahl der Ministeriumsmitarbeiter buchstäblich auf die grüne Wiese
gebaut. Mit dem Regierungsumzug nach Berlin wurde dann unvermittelt günstiger Wohnraum frei, in dem sich vor allem einkommensschwache
Familien und Migranten neu ansiedelten. Ein Wandel in der Bevölkerungsstruktur, der den Stadtteil und seine soziale Situation bis heute prägt. Mehr als die Hälfte der Einwohner ist zum Beispiel auf Hartz IV angewiesen, oftmals aufstockend zu vorhandenem Arbeitseinkommen im Mindestlohnbereich.
Hiervon sind besonders viele Kinder betroffen, da Medinghoven den größten Bevölkerungsanteil von unter 18-Jährigen in Bonner Stadtvergleich
deutlich höher, viele von ihnen leben noch nicht lange in Deutschland. Eine solche Konzentration schwieriger Lebenslagen bringt zwangsläufig auch Probleme für das Zusammenleben im Stadtteil mit sich. Trotzdem ist Medinghoven nach meiner Wahrnehmung deutlich besser als sein Ruf. Viele Menschen leben eigentlich gerne hier, wünschen sich aber, dass die bestehenden Probleme angegangen und gelöst werden.

Wie erleben Sie die Menschen in Medinghoven?
In der Sozialberatung erleben wir täglich gravierende, oft existentielle Problemlagen, mit denen die Menschen im Stadtteil aufgrund ihrer Lebensumstände konfrontiert werden. Mich beeindruckt aber immer wieder, welche Kraft viele Klienten haben und es schaffen, sich nicht von den äußeren Umständen und Problemen erdrücken zu lassen. Sie zeigen, dass eine positive Lebenseinstellung nicht von materiellem Wohlstand oder beruflichem Erfolg abhängt
und wie wertvoll funktionierende Beziehungen und gegenseitige Hilfe und Unterstützung sein kann. In diesen Punkten habe ich viel von meinen Klienten lernen können. Hierin liegt meiner Meinung nach auch wertvolles Potential für die Lösung der sozialen Probleme im Stadtteil, die nur gemeinsam mit den Bewohnern gelingen kann. Übersehen werden darf dabei nicht, dass manch einer auch an seinen Problemen verzweifelt, resigniert und sogar krank wird. In den großen Wohnblocks gibt es zudem ein erhebliches Maß an Anonymität und Einsamkeit, das solche Entwicklungen noch verstärkt.

Was wünschen Sie sich für diesen Stadtteil?
Ich würde mir weitere offene Angebote und geeignete Räume im Stadtteil wünschen, die für gut alle erreichbar sind, ihre Ideen und Bedürfnisse aufgreifen und sie miteinander in Kontakt bringen. Auch baulich ist der Stadtteil in die Jahre gekommen, sowohl die Außenanlagen und Fassaden, aber vor allem die Wohnungen sind zum Teil in einem schlechten Zustand. Hier wünsche ich mir, dass der Stadtteil auch baulich so erneuert wird, dass sich die Bewohner in Medinghoven wohl fühlen können und gerne hier zu Hause sind.

Dieses Interview ist erstmals in der April-Ausgabe 2018 des +PUNKT Diakonie der Diakonie Bonn und Region erschienen. Sofern Sie interessiert sind, die gesamte Ausgabe zu lesen, finden Sie diese hier.