Was hat Nachhaltigkeit mit Inklusion zu tun?

29.09.2021 von Marion Theisen

25 Jahre sind die Vereinten Nationen (UN) in Bonn, seit 2015 gibt es die Nachhaltigen Entwicklungsziele. Sie gelten weltweit, müssen aber vor Ort umgesetzt werden. Die Behinderten-Gemeinschaft Bonn möchte daran aktiv mitwirken. Denn Inklusion ist ein wichtiger Teil der Nachhaltigkeits-Ziele.

Vor der kleinen Bühne auf dem Münsterplatz stehen zwei junge Frauen in auffälligen weißen Anzügen: Vorn sind bunte Kreise darauf gemalt, hinten ebenso bunte Quadrate. „Na klar“, sagt Thuy-Ly Vuong von der Behinderten-Gemeinschaft Bonn (BG Bonn). „Die Kreise stehen für Inklusion und die Vierecke für die Ziele.“ Auch den passenden Kopfschmuck haben die beiden selbst gebastelt. Ihr Ziel: Die Passanten vor dem Münster aufmerksam zu machen.

Bei den Bonner SDG-Tagen klärt die BG Bonn unterhaltsam darüber auf, was Inklusion und Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben. Das Besondere: Die Menschen mit Behinderung tun das selbst, denn die BG Bonn besteht aus einer Vielzahl von Vereinen und Verbänden, die insgesamt die Behindertenbeauftragten der Stadt sind. Ein in Deutschland einzigartiges Modell.

Geschäftsführerin Marion Frohn hat so genannte Fühlboxen mitgebracht, um die SDGs (Sustainable Development Goals = Nachhaltige Entwicklungsziele) zu verdeutlichen. „Die haben wir während eines Workshops gemeinsam entwickelt“, erklärt sie. „Denn die SDGs sind sehr umfangreich und daher schwer zu fassen.“ In der Fühlbox zu SDG 11 ist zum Beispiel ein Text mit Erklärungen in Leichter Sprache und die Überschrift auf der Box ist in Brailleschrift aufgedruckt, fühlbar für blinde Menschen. In der Box finden sich selbstgebastelte, ertastbare Symbole zum Thema sichere Mobilität wieder: zum Beispiel ein Bus für gute öffentliche Verkehrsanbindungen und eine Ampel, als Zeichen für sichere Verkehrswege.

Auch die Forderungen für den Münsterplatz haben Mitglieder der BG Bonn in einem Workshop zusammen entwickelt. Ein paar Beispiele:

SDG 1 (Keine Armut) und SDG 8 (Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum): Menschen mit Behinderung finden oft keine Arbeit und sind deshalb häufiger von Armut bedroht als andere. Bei ihnen liegt die Arbeitslosenquote bundesweit bei etwa 13 Prozent. Mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Quote (knapp sechs Prozent). Dabei sind Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, zu 80 Prozent sehr zufrieden mit ihnen und entdecken keinen Unterschied zur Leistung von Menschen ohne Behinderung. Das zeigt eine Studie der Aktion Mensch.

SDG 3 (Gesundheit und Wohlergehen): Michael Fischell, Vorstandsmitglied der BG Bonn und Vertreter vom Haus Migrapolis sagte bei den SDG-Tagen in einem Interview, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger gesundheitliche Probleme haben als andere. „Das liegt unter anderem daran, dass ihre Lebensbedingungen schlechter sind: Die Arbeit, die sie machen, ist schwer und oft auch gesundheitsschädlich.“ Gleichzeitig seien aber die Arbeitsschutz-Bedingungen schlechter. Sie haben meist weniger Wohnraum und nicht genug Geld für gesundes Essen. Am Ende stehen oft Behinderungen und chronische Erkrankungen. Das muss sich ändern.

SDG 4 (Hochwertige Bildung): Konstantin Thiebes ist ein junger Mann mit Lernschwierigkeiten und fordert inklusive Bildung für alle. Er selbst war in der Schule ausschließlich mit anderen Kindern mit Behinderung zusammen. Heute macht er eine Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt. SDG 4 fordert einen gleichberechtigten Bildungszugang für alle.

SDG 10 (Weniger Ungleichheit):  Alle Menschen sollen – unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orien­tie­rung, Be­hinde­rung, Ethnizität, Religion, Her­kunft oder so­zia­lem und wirt­schaftl­ichem Status – gleiche Mög­lich­keiten haben. Das hat auch schon die UN-Behindertenrechtskonvention gefordert, vor mittlerweile mehr als zehn Jahren. Aber immer noch fühlen sich viele Menschen mit Behinderung diskriminiert. Karl-Heinz Stinner vom Verein für Schwerhörige und Ertaubte Bonn/Rhein-Sieg hat das mit 250 Hasen aus Holz ausgedrückt: Die hat er für sein Projekt BTHVN 250/16 anfertigen lassen, auch als Hommage an Beethoven, der selbst schwerhörig war. Die meisten Hasen sind weiß, aber 16 Prozent von ihnen sind rot und haben angeknabberte Ohren. Sie stehen symbolisch für die hörbehinderten Menschen. Ihre Bedarfe an akustischer Barrierefreiheit werden noch immer zu wenig gesehen.

SDG 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden): Hier geht es unter anderem um bezahlbaren Wohnraum und darum, dass alle Menschen Zugang haben sollen zu sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Verkehrssystemen. Vor allem die öffentlichen Verkehrsmittel sind den Menschen mit Behinderung in Bonn ein Anliegen. Joachim Marx, Koordinator für Barrierefreiheit und Tourismus von der BG Bonn sitzt selbst im E-Rollstuhl und berät die Stadt in Sachen Barrierefreiheit. „Es ist toll, dass es jetzt einige neue Bahnlinien gibt, in denen es zwei Rollstuhl-Plätze gibt. Dort ist auch der Einstieg für uns leichter. Bisher war es so, dass ich mit einem Freund im Rollstuhl nie die gleiche Bahn nehmen konnte.“ Auch an der Neuplanung des Bonner Busbahnhofs hat Marx mitgewirkt. Was aber die Barrierefreiheit in Geschäften, Toiletten und auf Baustellen betrifft, gebe es noch viel zu tun, sagt er.

SDG 17 (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele): Länder und Kommunen sollen einen nationalen Beitrag zur Erreichung der SDGs leisten und ihrer internationalen Verantwortung durch Fachaustausch, Partnerschaftsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit gerecht werden. Der Bonner Rat hat dazu 2019 eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Darin steht, wie die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele bis 2030 umgesetzt werden sollen. Gleichzeitig gibt es den Teilhabeplan „Bonn Inklusiv“, der in diesem Jahr neu aufgesetzt werden soll. Er garantiert allen Bürgerinnen und Bürgern die selbstbestimmte Teilhabe am Leben in der Stadt. Unabhängig von allen Unterschieden.

Teilhabe ist wichtig, Vielfalt ein Gewinn. Dieser Gedanke zieht sich durch alle SDGs und natürlich durch den Teilhabeplan „Bonn Inklusiv“. Die BG Bonn freut sich schon auf die nächste Runde in der Zusammenarbeit mit allen Beteiligten. Damit Bonn ein Leuchtturm für Inklusion und Nachhaltigkeit wird.

Mehr Informationen finden Sie unter www.bgbonn.org.

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