Eine Strategie muss her!

17.02.2020 von Ulrich Hamacher

Bei der Bekämpfung von Kinderarmut reicht der gute Wille allein nicht

Nach den Erfahrungen der Wohlfahrtsverbände hat Kinderarmut wesentlich vier Aspekte: materielle Armut, Bildungsarmut, gesundheitliche Benachteiligungen, fehlende Teilhabe. Und: Kinderarmut hat zugenommen in den letzten Jahren. Das wird durch viele wissenschaftliche Studien bestätigt.

Es wird durchaus auch Vieles getan um das Problem zu lindern, insbesondere von Kommunen, die das Thema zunehmend als wichtig wahrnehmen. Aber nötig ist eine Strategie zur Bekämpfung von Kinder-, Jugend- und Familienarmut, die alle die genannten Bereiche umfasst und auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene ausgearbeitet und umgesetzt werden muss.

Zu einem der vier oben genannten Aspekte passiert wesentlich nichts Wirksames: die materielle Seite der Armut. Die ist wichtig, weil das fehlende Geld ganz wesentlich die Lebenssituation von Kindern prägt, die Teilhabechancen einschränkt, zu sozialer Isolation führen kann, die Möglichkeiten in der Bildung begrenzt.

Hier braucht es ein Bundesgesetz. Das setzt eine politische Willensbildung voraus. Und die ist im Gange: Immer mehr Organisationen und auch politische Parteien entwickeln Konzepte in diese Richtung.

Die Evangelische Kirche im Rheinland hat im Januar 2020 eine aktuelle Studie veröffentlicht. Diese Studie zeigt eindrücklich das Wachsen der Kinder- und Familienarmut in den letzten zehn Jahren. Sie analysiert die Wirkungen der bisherigen Steuer- und Sozialpolitik in Bezug auf Kinderarmut und skizziert zwei Modelle der Kindergrundsicherung.

Die Autorin der Studie, Dr. Irene Becker, argumentiert mit den Begriffen „Horizontale Gerechtigkeit“ und „Vertikale Gerechtigkeit“. „Horizontale Gerechtigkeit“: Ausgleich zwischen der finanziellen Situation von Menschen mit und ohne Kinder auf einem Einkommensniveau. Das passiert über Steuerpolitik, und hier liegt bisher der Schwerpunkt.

„Vertikale Gerechtigkeit“: Ausgleich zwischen den Einkommensniveaus, für Familien mit Kindern. Das ist Sozialpolitik, und erfolgt bisher in finanziell viel geringerem Volumen.

Das würde durch eine Kindergrundsicherung geändert.

Jedes Kind soll den gleichen Betrag bekommen, die Auszahlung des Geldes könnte wie bisher beim Kindergeld durch die Familienkasse erfolgen, ohne Anträge und bürokratische Prüfungen. Das beinhaltet eine deutliche Besserstellung armer Kinder und einen Abbau von Bürokratie.

Für die höheren Einkommen könnte der Betrag teilweise steuerlich abgeschmolzen werden, so dass diese nur einen Teil der Grundsicherung behalten würden.

Neben diesem – hier nur grob skizzierten – Modell der Kindergrundsicherung gibt es inzwischen etliche weitere Modelle, von Parteien, Sozialorganisationen oder auch der Bertelsmann Stiftung.

Es geht jetzt nicht darum, im Einzelnen das Modell zu entwickeln und durchzudiskutieren. Es geht vielmehr darum, das Grundanliegen voranzubringen. Der Runde Tisch gegen Kinder- und Familienarmut (RTKA) hat schon vor einigen Jahren ein Forderungspapier verabschiedet, auf dessen Grundlage Kinderarmut wirksam bekämpft werden könnte. Er führt am 6. März in Bonn einen Fachtag Kinderarmut durch, der zur Erarbeitung einer Bonner Strategie gegen Kinderarmut genutzt werden soll. Vertreter*innen von Sozialorganisationen, Stadtverwaltung, Politik und andere Interessierte sind eingeladen, um gemeinsam daran zu arbeiten.

Fachtag
Reiches Bonn – arme Kinder!?
Bonner Strategie gegen Kinder-, Jugend- und Familienarmut

In einer wohlhabenden Stadt wie Bonn muss es eine Strategie gegen Kinder-, Jugend- und Familienarmut ebenso geben, wie Maßnahmen auf allen Handlungsebenen um nachhaltig finanzielle wie auch strukturelle Armut zu bekämpfen und vermeiden. Gemeinsam mit Ihnen möchte der Runde Tisch gegen Kinder- und Familienarmut (RTKA) eine Bonner Gesamtstrategie zur Vermeidung von Kinder-, Jugend- und Familienarmut erarbeiten/verabschieden.

Die Veranstaltung findet statt am:

Freitag, den 06.03.2020, von 9:00 – 16:30 Uhr

Haus der Evangelischen Kirche Bonn, Adenauerallee 37, 53113 Bonn

Anmeldung erwünscht bei sekretariat.hamacher@dw-bonn.de

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Bildung, Soziales, Sozialleistungen | Kommentar
Text von Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Bonn und Region
Meinungen der Autoren müssen nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben.

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