Die Mär von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder: das Leben im Hamsterrad

20.02.2020 von Andrea Hillebrand

Der Tag beginnt idealerweise am Vorabend. Da wird sichergestellt, dass die Outfits für den nächsten Tag bereitliegen, die Klassenarbeit unterschrieben im Schulranzen und bestenfalls der Küchentisch schon fürs Frühstück gedeckt ist. Sind diese Vorkehrungen nicht getroffen, kann das zu einem Zeitverzug führen, der sich den ganzen Tag nicht mehr aufholen lässt. Denn das Zeitfenster für den gemeinsamen Familienmorgen ist eng. Um halb acht müssen Schul-Vater und Schul-Tochter aus dem Haus sein, um viertel vor acht die beiden Kita-Kinder. Der mütterliche Arbeitstag beginnt idealerweise um 8:00 Uhr realistisch um 8:30 Uhr. Wehe, wenn der gut geplante Ablauf ins Stocken gerät. „Ich finde meine Mütze nicht“, „Ich habe keinen Hunger auf das Müsli“ oder einfach „Nein, ich will meine Zähne nicht putzen“ führen zur Eskalation. Der Ton wird rau.

Beim Abschied rufen sich die Eltern noch die wichtigsten Eckdaten zu: Ich hole die Große um halb vier und fahre direkt weiter mit ihr zur Musikschule. Schaffst du die Kleinen? Wer kauft ein? Was essen wir heute? …

Eine Momentaufnahme aus einer insofern privilegierten Familie, als dass beide Eltern arbeiten (unbefristet, tarifgebunden, er Vollzeit, sie Teilzeit, mit Homeoffice-Option), sich gemeinsam für die Kinder verantwortlich fühlen und alle drei Kinder im bundesdeutschen Betreuungssystem unterbringen konnten: Kindertagesstätte und offene Ganztagsbetreuung. Und doch ist selbst dieses „privilegierte“ System knapp auf Kante genäht: Kind krank, Konzeptionstag in der Kita oder Terminkollisionen im Dienst (ganz zu schweigen von der Rücken-kranken Tagesmutter, als der Jüngste noch nicht in die Kita ging) belasten die Nerven und erfordern Improvisationstalent.

Die Not von Alleinerziehenden, Eltern im Schichtdienst oder Eltern, die bei der Platzvergabe von Kita oder OGS leer ausgegangen sind (oder, oder, oder), ist hier nicht berücksichtigt und potenziert die zuvor beschriebene Belastung um den Faktor X.

Die Lösung!

Gibt es nicht! Es gibt schon gar nicht eine Lösung für alle. Die Voraussetzungen mit denen Eltern versuchen, Beruf und Familie zu vereinbaren, sind zu unterschiedlich. Die Anforderungen des Arbeitsplatzes, die finanzielle Situation, unterstützende Großeltern, Nachbarn, Paten gibt es – oder eben nicht – und viele andere Faktoren sind individuell verschieden. Hinzu kommt, dass es sich um ein hoch ideologisches und damit emotionales Thema handelt. Die Familien untereinander, ehrlicherweise häufig die Mütter, bringen dem jeweils anderen Modell wenig Toleranz entgegen. Wie früh gebe ich ein Kind in die Betreuung? Wie viele Stunden am Tag sind die Kinder fremd-betreut? … Wer hier einen Blick auf Diskussionen in Onlineportalen wirft, dem kann schwindelig werden, vom rauen Ton der da herrscht. Erfahrungsgemäß wird die eigene Variante zum Maß aller Dinge genommen. Es ist schwierig zu akzeptieren, dass verschiedene Menschen mit verschiedenen Modellen gut klar kommen (oder gar keine Alternative dazu haben) – oder nicht jedes Kind die gleichen Bedürfnisse hat.

Screenshot von Frau TV auf Facebook
Nach Postings auf Portalen wie FrauTV kommt es in den Kommentaren (hier 145) regelmäßig zum mütterlichen Schlagabtausch.

Ein Lösungsansatz

könnte das Konzept des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) sein: eine, die normale Tagesbetreuung ergänzende, individuelle, flexible und bedarfsdeckende Kinderbetreuung. Sprich: Eine Betreuung, die bei Bedarf in den Randzeiten vor oder nach Kita und Ganztag im Haushalt der Kinder stattfindet. Im Kontext Alleinerziehender ist das eine existenzsichernde Maßnahme, aber auch in Doppelerzieher-Haushalten kann dieses Konzept zur Entlastung beitragen. Wenn ein Pool entsprechend qualifizierter Kräfte – z.B. Studierende oder Menschen im Ruhestand, jeweils als Übungsleiter – diese Zeiten abdeckt und eine Beziehungskontinuität zu den Kindern sichergestellt ist, ist damit auch dem Fachkräftemangel im Bereich der Erzieher Rechnung getragen. Denn mit welchen Kräften sollen beispielsweise Kindertagesstätten ihre Betreuungszeiten maximal ausweiten, wenn für den bisherigen Stundenumfang schon zu wenig Personal vorhanden ist?

Aus pädagogischer Sicht spricht außerdem Vieles dafür, im Rahmen der Kinderbetreuung feste Strukturen zu halten. Ein für Eltern komfortables Bringen und Holen nach den eigenen Bedürfnissen, trägt nicht zum Wohle der Kinder in einer Einrichtung bei, für die Kontinuitäten in Gruppen, Abläufen und Beziehungen von hoher Bedeutung sind. Diese Kontinuitäten wären gegeben, wenn die Basisbetreuung der Einrichtung vorbehalten bleibt und drum herum ein weiteres Modul die Bedürfnisse der Familien abdeckt.

Würde ein solches System für Menschen, die mit sozialen Herausforderungen kämpfen, von öffentlicher Hand bereitgestellt und beteiligen sich ergänzend dazu Unternehmen für ihre Mitarbeitenden, könnte das ein stabilisierender Baustein zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.

[E]rgänzende[] Kinderbetreuung schließt eine Lücke, die weder durch Kita, Schule, Familie noch durch die Ausschöpfung aller Möglichkeiten der betrieblichen Arbeitszeitorganisation zu verhindern ist. Wenn alle Beteiligten sich bewegen, bleiben die Lücken klein und überschaubar. Um das zu realisieren, müssen Wirtschaft, Politik und Anbieter von Kinderbetreuung Hand in Hand arbeiten.

https://www.vamv.de/fileadmin/user_upload/bund/dokumente/Publikationen/Doku_2018web.pdf

Im besten Fall wird auf diese Weise eine Entlastung erreicht, die bei den Eltern und damit bestenfalls bei den Kindern ankommt: Mit weniger Stress im Rücken steht die erziehungsberechtigte Person der morgendlichen Mützen- oder Müsliverweigerung mit mehr Gelassenheit gegenüber. Prompt ist das Spektakel wesentlich unattraktiver und am nächsten Tag verlassen alle freiwillig „bemützt“ das Haus.

Ende gut, alles gut – bis zur nächsten Herausforderung.

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Familie, Soziales | Kommentar
Text von Andrea Hillebrand, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Diakonisches Werk Bonn und Region
Meinungen der Autoren müssen nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben.

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